Die Subjektivität deiner Wahrnehmung

Bildquelle: Pixabay

Wie oft denkst du, dass du die Welt wahrnimmst, wie sie wirklich ist?

Puh.

Das ist eine schwierige Einstiegsfrage, ich weiß.

Aber denk mal darüber nach, bevor du nun weiterliest, denn die Frage, die ich mit dir als erstes klären möchte, lautet:

Gibt es überhaupt eine objektive Betrachtungsweise der Welt?

Der bekannteste deutsche Philosoph Richard David Precht beschreibt es mit der objektiven Weltsicht so:

„Für eine objektive Weltsicht bräuchten wir einen wahrhaft übermenschlichen Sinnesapparat, der das ganze Spektrum möglicher Sinneswahrnehmungen ausschöpft: die Superaugen des Adlers, den kilometerweiten Geruchssinn von Bären, das Seitenliniensystem der Fische, die seismographischen Fähigkeiten der Schlange usw. Doch all das können Menschen nicht, und eine umfassende objektive Sicht der Dinge kann es deshalb auch nicht geben. Unsere Welt ist niemals die Welt, wie sie ‚an sich‘ ist, ebenso wenig wie jene von Hund und Katze, Vogel oder Käfer. „Die Welt, mein Sohn“, erklärt im Aquarium der Vaterfisch seinem Filius, „ist ein großer Kasten voller Wasser!“

Jedes Lebewesen nimmt die Welt ganz subjektiv wahr. Diese Tatsache wird auch in diesem Bild ganz hübsch dargestellt:

Die Subjektivität deiner Wahrnehmung

Leider habe ich keine zuverlässige Quelle dieses Bildes gefunden.

Es kann also keine objektive Betrachtungsweise der Welt geben, da jedes Lebewesen nur mit den Möglichkeiten auf die Welt blicken kann, die ihm von der Natur gegeben sind.

Jedoch gibt es auch Unterschiede innerhalb einer Spezies. Nicht jeder Mensch schaut auf die gleiche Art und Weise auf die Welt. Jeder Mensch hat eine ganz persönliche Wahrnehmung. Die Frage, die sich daraus ergibt, ist:

Wie entsteht persönliche Wahrnehmung?

Deine persönliche Wahrnehmung, die unter anderem von deiner Erziehung, deinen Bezugspersonen, Erfahrungen und biologischen Anlagen bestimmt wird, setzt Denkprozesse in Gang und lässt dich auf eine bestimmte Art und Weise handeln.

Und wenn du auf eine bestimmte Art und Weise handelst, bestimmt dies natürlich auch wieder deine Wahrnehmung. Also wenn du alle Menschen immer gut behandelst, wirst du wahrnehmen, dass sich Menschen dir gegenüber freundlich verhalten.

Daraus entsteht dann immer mehr deine persönliche Realität. So entstehen auch deine persönlichen Glaubenssätze, Überzeugungen und Erwartungen.

Dein Glauben, deine Überzeugungen und Erwartungen sind dann wiederum die Lenker deiner Wahrnehmung.

Es ist ein Kreislauf.

Wahrnehmung ist also höchst individuell und damit sehr subjektiv, weil jeder Mensch unter anderen Bedingungen lebt und mit unterschiedlichen Voraussetzungen auf die Welt kommt.

Du erschaffst deine Wirklichkeit aus dem, was du für Tatsachen hältst.

Ich möchte dir anhand von zwei Beispielen zeigen, wie unterschiedlich die Wirklichkeiten von Menschen sind.

Zwei Beispiele für subjektive Wirklichkeiten

Erstes Beispiel:

Wenn wir beide das gleiche Buch lesen, also beide mit denselben Tatsachen konfrontiert werden, haben wir sehr wahrscheinlich komplett andere Vorstellungen von dem, was in dem Buch steht. Also wie die Akteure der Geschichte aussehen, wie sie sich bewegen, wie die Stimmen klingen, wie die Umgebungen aussehen und so weiter …  Das liegt daran, dass Wirklichkeit im Kopf entsteht.

Oder anders auf den Punkt gebracht:

Die Tatsachen sind die Zutaten und die eigene Wirklichkeit ist das fertige Gericht, das jeder daraus kocht.

Picasso hat es so formuliert:

Wenn es nur eine einzige Wahrheit gäbe, könnte man nicht hundert Bilder über dasselbe Thema malen.

Das zweite Beispiel:

Wir haben bei unserer Coaching-Ausbildung mal ein kleines Experiment unternommen.

Die Erkenntnis, die wir dabei hatten, möchte ich vorweg nehmen:

Wenn wir etwas sagen, meinen wir nie genau das Gleiche.

Jemand aus der Gruppe hatte sich irgendeinen Gegenstandsbegriff ausgesucht (in unserem Fall: Baum) und sollte 7 Wörter aufschreiben, die ihm dazu einfielen und die er mit diesem Begriff verbindet. Der Rest der Gruppe schrieb ebenfalls 7 Wörter zu diesem Begriff auf.

Danach hatte eine andere Person einen abstrakten Begriff ausgewählt (in unserem Fall: Glück) und machte dasselbe: Sie schrieb 7 Wörter auf, die sie als erstes mit diesem Wort verband und auch der Rest der Gruppe schrieb wieder 7 Wörter zu diesem Begriff auf.

Als die Personen, die sich den Gegenstandsbegriff und den abstrakten Begriff ausgesucht hatten, dann schließlich ihre 7 Wörter vorlasen, staunten wir restlichen Gruppenmitglieder. Wir verglichen sie mit unseren eigenen Wörtern. Bei dem Gegenstandsbegriff gab es eine durchschnittliche Übereinstimmungs-Quote von 20 %, bei dem abstrakten Begriff sogar nur 5 %. Jeder hatte für sich bei den Begriffen an ganz andere Dinge gedacht. Und jetzt muss man sich klar machen: Auf dieser Grundlage unterhalten wir uns.

Warum ist es gut, das alles zu wissen?

Die Psychologin Stefanie Stahl fasst gut zusammen, welche enorme Bedeutung deine Wahrnehmung für dein Leben hat:

Deine Probleme, es sei denn, es handelt sich um reine Schicksalsschläge, resultieren aus deiner subjektiven Wahrnehmung deiner selbst und deiner Umwelt. Alles, was du nun verstehen musst, ist, dass du frei bist, dir deine Wahrnehmung, deine Gedanken und deine Gefühle selbst zu gestalten.

Es ist also von großer Bedeutung, dass wir uns mit unserer Wahrnehmung, dem damit verbundenen Denken und dem daraus resultierenden Handeln beschäftigen und letztendlich auch sensibler damit umgehen.

Vielleicht kennst du folgende Gedankengänge:

Warum passieren immer mir diese schlechten Sachen? Warum läuft ausgerechnet bei mir immer alles falsch?

Du kannst dich ja mal fragen, wenn du diese oder eine ähnliche Denkweise hast, ob du deine Lage nicht vielleicht etwas zu negativ bewertest. Vielleicht fokussierst du dich zu sehr auf die negativen Dinge, anstatt die positiven hervorzuheben und dir damit eine positivere Wahrnehmung zu ermöglichen.

Finde deine Wahrnehmungsschwerpunkte. Beobachte dich selbst und finde heraus, wie du gewisse Dinge wahrnimmst.

Rede auch mal mit einem guten Freund/einer guten Freundin über deine Gedankengänge. Durch Feedback von anderen Menschen können wir eventuelle Fehleinschätzungen manchmal erkennen und korrigieren. Hier kommt es jedoch auf die Qualität des Feedbacks und der Feedbackverarbeitung an.

Ein Coaching wäre eine weitere Möglichkeit, um an deiner Wahrnehmung zu arbeiten.

Auch bei deiner nächsten Auseinandersetzung mit einem anderen Menschen kannst du dich an diesen Artikel zurückerinnern und daran denken, dass jeder Mensch ganz persönlich und subjektiv wahrnimmt. Das allein kann schon viel Spannung lösen. Es ist wichtig, dass wir tolerant gegenüber anderen Wirklichkeitskonstruktionen sind, denn diese können genauso richtig sein, wie unsere eigene.

Egal, um was es in der Auseinandersetzung geht, du kannst davon ausgehen, dass das Denken und die Argumentationen der Person dir gegenüber für sie total sinnvoll sind, weil sie ganz einfach andere Erfahrungen in ihrem Leben gemacht hat.

Versuche mal, die Perspektive zu wechseln und die Situation von ihrem Standpunkt aus zu sehen. Setze dich mit der Person hin und beredet, warum du das so siehst und sie es so sieht. Am Ende hat dann keiner von euch Recht, denn es geht erstmal nur um das Verstehen der Denkweise des Gegenübers. Das ist dann überhaupt erstmal die Grundlage dafür, dass ihr sinnvoll miteinander reden könnt und nicht aneinander vorbeiredet, denn vorher betrachtest du nur deine Perspektive und sie nur ihre Perspektive. Erst durch den Perspektivenwechsel seht ihr die Gesamtsituation.

Ich hoffe, dass du etwas aus diesem Artikel für dich mitnehmen kannst.

Es lohnt sich, an seiner Wahrnehmung zu arbeiten, denn sie lenkt unser Leben.

Vergiss nie: Du bist frei, zu denken und zu fühlen, was du möchtest und kannst dir deine Weltsicht so gestalten, wie sie dir gefällt! Oder wie Pippi Langstrumpf singen würde:

Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt.

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