Ein zentraler Glücksfaktor: Aufgeschlossenheit

Ein zentraler Glücksfaktor: Aufgeschlossenheit
Bildquelle: Pixabay

Flüchtlinge.

Ich merkte, wie sich stetig (über Monate hinweg) ein theoretisches Konstrukt zu dem Thema Flüchtlinge in meinem Kopf formte, das hauptsächlich von den Medien bestimmt wurde.

Ich hatte mich nie auch mit nur einem einzigen Flüchtling unterhalten, ich habe keinen einzigen kennengelernt.

Und doch hatte ich plötzlich gewisse Ansichten, Vorstellungen und Vorurteile über sie.

Das ist doch verrückt, oder?

Ohne dass wir unmittelbare Erfahrungen gemacht haben, bilden wir uns Meinungen, die mit der Realität oft nicht viel zu tun haben (und versperren uns damit selbst viele Türen).

Ich wollte nicht, dass das bei dem Thema Flüchtlinge so blieb, also nahm ich einen Job an, bei dem ich Flüchtlingen Deutschunterricht gab.

Innerhalb von drei Wochen fiel mein theoretisches Konstrukt, das von den Medien aufgebaut wurde, komplett in sich zusammen. Es blieb kaum noch etwas davon übrig.

Ich entwickelte eine Anschauung, die auf tatsächlichen, unmittelbaren Erkenntnissen beruhte, denn ich habe mich mit geflüchteten Menschen unterhalten und habe sie kennengelernt.

Außerdem bekam ich die Erkenntnis, dass jeder Mensch interessanter, vielschichtiger und wunderbarer ist, als die Meinung, die ich bereits über ihn haben könnte.

Ich habe gelernt, meine vorgefasste Meinung nicht mehr ganz so ernst zu nehmen, denn es kann nur sehr schwer eine Verbindung zwischen zwei Menschen entstehen, wenn beide mit bestimmten Erwartungen oder Klischees aufeinander zugehen.

(Ver)urteile nicht so schnell

Jack Kornfield, ein bekannter buddhistischer Lehrer aus Amerika, erzählte mal von einer Konferenz über Achtsamkeit im Rechtswesen in Berkeley, bei der die folgende Anleitung zu hören war, die ein Richter einer Jury gab:

Ich möchte, dass Sie sich dem, was im Gerichtssaal passiert, mit totaler Aufmerksamkeit widmen. Dabei könnte sich eine Sitzhaltung als hilfreich erweisen, die Würde und Präsenz zum Ausdruck bringt. Bleiben Sie außerdem mit dem Gefühl Ihres ein- und ausströmenden Atems in Verbindung, während Sie die Beweisaufnahme verfolgen. Achten Sie auf die Neigung, schon Schlüsse zu ziehen, wenn noch gar nicht alle Beweismittel vorliegen und noch keine Plädoyers gehalten wurden. Schieben Sie Ihr Urteil nach bestem Vermögen immer wieder auf, um stattdessen alles, was im Gerichtssaal passiert, Augenblick für Augenblick mit voller Aufmerksamkeit zu verfolgen. Sollten Sie merken, dass Sie abschweifen, können Sie sich wieder zu Ihrem Atem zurückholen und zu dem, was gerade verhandelt wird, immer und immer wieder, wenn es sein muss. Nach Abschluss der Beweisaufnahme ist es dann Ihre Aufgabe als Jury, sich zu beraten und eine Entscheidung zu finden. Aber wirklich erst dann.

Wir sollten keinen Riegel vor unseren Geist schieben. Stattdessen sollten wir zu frühe Urteile immer hinterfragen oder gar nicht erst zulassen.

Wir sollten danach streben, geistige Offenheit zu bewahren, denn für wahres Lebensglück ist sie essenziell.

Damit du mich nicht falsch verstehst: Ich halte es manchmal schon für wichtig, einen Standpunkt zu gewissen Themen zu haben und ich finde es anstrengend, wenn Menschen nie einen Standpunkt oder eine Haltung zu etwas haben.

Aber ich denke, dass dies nicht bedeuten muss, dass man sich anderen Anschauungen gegenüber verschließen muss.

Ein offenes Ohr und die Wertschätzung des Gesprächspartners sind wesentlich für eine respektvolle Begegnung.

Es ist wichtig, Rücksicht auf den anderen zu nehmen und mit aufrichtigem Interesse zuzuhören, und zwar mit der Absicht, wirklich wissen zu wollen, was der andere denkt und aus welchen Gründen das so ist.

Diese beiden wichtigen Aspekte, das offene Ohr und die Wertschätzung, lassen niemanden unberührt.

Wenn du dies mal ausprobierst, wirst du feststellen, was für eine Freude es ist, der Welt aufgeschlossen zu begegnen. Zumal es für beide Seiten ein Segen ist:

Für dich ist es das Geschenk der Freiheit, weil du nicht mehr nur an deine Vorstellungen gekettet bist und von ihnen dominiert wirst. Und für andere ist es ein großer Glücksfall, wenn sie dir begegnen.

Eine kleine Übung, um aufgeschlossener zu werden

Bei dieser kleinen Übung geht es darum, ein paar Fragen wohlwollend und ehrlich für dich zu beantworten und deine Sicht auf die Dinge fallen zu lassen, um noch einmal ganz neu hinzuschauen.

Gegen wen, einzelne Menschen oder Gruppen, bin ich voreingenommen?

Worüber habe ich sonst noch sehr feste Ansichten?

Wähle jetzt eine Person, Situation oder Weltanschauung aus, gegen die du voreingenommen bist.

Nun geht es darum, deine Sicht der Dinge infrage zu stellen.

Ist das, was ich glaube, mit Sicherheit wahr? Woher weiß ich das?

Gibt es keine einzige Ausnahme?

Kann man die Sache auch anders sehen? Wenn ja, wie?

Welche Leiden verursacht mir diese starre Anschauung? Bin ich deprimiert, erschöpft, ängstlich, eifersüchtig, missmutig, beleidigt, in mir zurückgezogen, … ?

Es geht bei dieser Übung darum, deine Sicht auf die Dinge fallen zu lassen und noch einmal ganz neu hinzuschauen.

Steig jetzt mit diesem Artikel noch tiefer in dieses spannende Thema ein.

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