Gibt es Zeit überhaupt?

Gibt es Zeit überhaupt?
Bildquelle: Pexels

Michael Ende schrieb in der unendlichen Geschichte folgendes:

„Nur der Moment ist unendlich.“

Wenn ich etwas länger über dieses Zitat nachdenke, dann stellen sich für mich folgende Fragen:

Gibt es so etwas wie die Zeit? Also ein Fließen von der Vergangenheit zur Zukunft? Wie stehen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zueinander? Und was soll Anfangszitat von Michael Ende aus „Die unendliche Geschichte“ eigentlich genau bedeuten?

Diesen Fragen möchte ich nun mit dir zusammen nachgehen.

Dafür begeben wir uns auf eine kleine Zeit-Entdeckungsreise. Wir werden auf dieser kurzen Reise Philosophen, Physikern, Biologen und spirituellen Lehrern begegnen, die ihre Erkenntnisse mit uns teilen werden.

Du brauchst für die kleine Reise diese goldene Taschenuhr und diese alte Schriftrolle. Frag am besten nicht, warum.

Ach, eines möchte ich dir vorab sagen: Es lohnt sich, sich über die oben genannten Fragen mal Gedanken zu machen. Wieso? Das erfährst du während der Reise.

Also … bist du bereit?

Station 1

Wir reisen als erstes zu Dr. rer. nat. Ulrich Warnke. Er studierte Biologie, Physik, Geografie und Pädagogik.

Mal schauen, was er zu dem Thema Zeit sagt.

Er scheint gerade nicht zu Hause zu sein. Die Reise fängt ja gut an.

Und nun?

Schauen wir doch einmal in der Bibliothek vorbei und suchen eines seiner Bücher. Vielleicht finden wir ja etwas.

So, mal sehen …T, U, V, W … WARNKE. Ich hab’s. Das hier sieht gut aus: Quantenphilosophie und Spiritualität von Ulrich Warnke.

Hmm … ah hier, ich hab’s gefunden. Hier steht etwas zum Thema Zeit:

Die Zeit wird nicht mehr in Frage gestellt. Wir kennen sie von klein auf als chronologischen Ablauf oder als Uhrzeit. Die Erddrehung relativ zur Sonne bestimmt Tag und Nacht und die Erdachse bestimmt Monate und Jahreszeiten. Jedoch: Zeit ist eine Illusion, denn Vergangenheit und Zukunft sind reine Gedankenprodukte. Wenn unser Verstand still ist, sind wir nur noch in der Gegenwart. Vergangenheit und Zukunft entstehen nur in unseren Gedanken. Die Gegenwart ist die einzige Realität. Eine andere gibt es nicht.

Okay, ich denke das reicht für den Anfang.

Wir ziehen jetzt weiter zur nächsten Station. Der berühmte Physiker Albert Einstein wartet schon auf uns. Und der wird ganz sicher zu Hause sein.

Station 2

Da ist Einstein. Er tüftelt gerade in seiner Heimwerkstatt herum.

Komm mit, wir gehen näher heran, dann können wir auch verstehen, was er da murmelt:

Menschen wie wir, die an die Physik glauben, wissen, dass die Unterscheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nur eine hartnäckig andauernde Illusion ist.

Puh. Das ist immer noch ziemlich abstrakt, oder?

Vielleicht sollten wir etwas grundlegender anfangen.

Hoffentlich wird uns bei der nächsten Station einiges klarer …

 Station 3

Jetzt stehen wir vor dem Haus von Ken Wilber. Ken Wilber ist ein Philosoph, der im Bereich der Intergralen Theorie tätig ist. Die Integrale Theorie ist eine Theorie, die versucht, viele Weltsichten, sowie Wissenschaften und spirituelle Ansätze in einer Theorie zu vereinen.

Bevor wir zu ihm reingehen, möchte ich mit dir eine Übung machen, die ich in seinem Buch Wege zum Selbst gelesen habe. Es geht bei dieser Übung darum, herauszufinden, ob es so etwas wie Zeit gibt.

Also los geht’s:

Existiert so etwas wie Zeit?

Beginnen wir mit deinen Sinnen.

Spürst du jemals die Zeit? Das heißt, spürst du jemals unmittelbar eine Vergangenheit oder eine Zukunft?

Fange mit dem Hören an. Konzentriere deine Aufmerksamkeit zunächst auf das, was du hörst und beachte das Fließen von Geräuschen durch dein Bewusstsein. Du kannst vielleicht Menschen reden hören, Hunde bellen, Kinder spielen, vielleicht hörst du den Wind, den Regen, einen tropfenden Wasserhahn … Aber beachte: All diese Geräusche sind gegenwärtige Geräusche. Du kannst keine vergangenen oder zukünftigen Geräusche hören. Das Einzige was du jemals hörst, ist die Gegenwart.

Genauso wie alle Laute nur gegenwärtige Laute sind, so ist jeder Geschmack nur ein gegenwärtiger Geschmack, jeder Geruch ist ein gegenwärtiger Geruch und jeder Anblick ist ein gegenwärtiger Anblick.

In deinem unmittelbaren Gewahrsein gibt es keine Zeit – keine Vergangenheit – keine Zukunft, nur eine sich endlos verändernde Gegenwart, kürzer als eine Millisekunde, aber niemals endend.

So … die Übung ist beendet. Und nun lass uns mal in das Haus von Herrn Wilber gehen.

Er redet gerade darüber, was die Vergangenheit und die Zukunft sind. Das ist ein guter Punkt zum Reinhören, denn so ganz klar ist mir das alles noch nicht …

Vergangenheit: Es ist das Gedächtnis. Die Erinnerung selbst ist ein gegenwärtiges Erlebnis. Aus Erinnerungen kannst du folgern, dass es frühere Erlebnisse gegeben hat. Aber du kannst keine vergangenen Ereignisse wahrnehmen. Du kennst die Vergangenheit nur in der Gegenwart und als Teil der Gegenwart. Die Vergangenheit, als sie sich ereignete, war ein gegenwärtiges Ereignis. Auch Zukunft gibt es nicht. Es gibt nur Vorgefühle oder Erwartungen – die aber Teil des gegenwärtigen Erlebens sind. Die Erwartung ist, wie das Sich-Erinnern, eine gegenwärtige Tatsache. Man erkennt so langsam: Alle Zeit existiert nur jetzt.

So langsam verstehe ich …

Das JETZT ist ein Moment ohne Grenzen. Der Moment hat keine Grenzen, weil die Vergangenheit als Erinnerung und die Zukunft als Erwartung in ihm sind, nicht um ihn herum. Nichts kommt vor dem Moment, nichts nach ihm.

Hör mal kurz her: Verstehst du auch langsam, auf welchen Gedankenpfad uns diese Zeit-Entdeckungsreise bringen möchte?

Ich verstehe aber noch nicht so ganz, warum das für uns wichtig ist. Warum sollten wir das wissen?

Oh, ich glaube dazu sagt er gerade etwas …

All unsere Probleme werden durch die Zeit geboren. Unsere Schuldgefühle sind untrennbar mit der Vergangenheit verbunden. Ebenso ist Angst mit Gedanken an die Zukunft verbunden und bringt Wolken der Angst und Katastrophenerwartungen mit sich.

Wir verweilen im Gestern und träumen immer vom Morgen und fesseln uns so mit quälenden Ketten der Zeit und den Gespenstern von etwas, das nicht wirklich gegenwärtig ist. Wir verausgaben unsere Kräfte in Phantasienebeln von Erinnerungen und Erwartungen und berauben so die lebendige Gegenwart ihrer grundlegenden Realität.

Unsere Gegenwart ist also von allen Seiten her begrenzt, eingeklemmt zwischen Vergangenheit und Zukunft. Sie ist kein offener Moment. Da Vergangenheit und Zukunft so wirklich erscheinen, wird unser Gegenwartsmoment, das Fleisch in unserem Sandwich, zu einem dünnen Blättchen zusammengedrückt, so dass unsere Realität bald zu bloßen Brotkrusten ohne Füllung wird. Aber wenn man erkennt, dass die Vergangenheit als Erinnerung und die Zukunft als Erwartung immer gegenwärtige Erlebnisse sind, ist die Gegenwart nicht mehr umzingelt, sondern dehnt sich aus und erfüllt alle Zeit, und so entfaltet sich die verstreichende Gegenwart zur ewigen Gegenwart.

Ich denke, diese Worte bringen uns ein gutes Stück voran!

Leider müssen wir nun weiter. Eine Station haben wir noch vor uns. Wir treffen jetzt auf einen bekannten spirituellen Lehrer, der nicht fehlen darf, wenn es um das Thema Zeit geht.

Station 4

Was für ein Glück! Er hält gerade sogar einen Vortrag. Damit hätte ich auch nicht gerechnet. Schau mal da vorn, das ist Eckhart Tolle.

In der hintersten Stuhlreihe sind noch zwei Plätze frei. Komm, wir setzen uns hin.

Alles scheint der Zeit unterworfen zu sein und doch geschieht alles im Jetzt. Das ist das Paradox. Wohin du auch schauen magst, immer triffst du auch zahllose indirekte Beweise für die Wirklichkeit der Zeit – einen faulenden Apfel oder dein Gesicht im Badezimmerspiegel im Vergleich zu deinem Gesicht auf einem dreißig Jahre alten Foto -, und doch kannst du die Zeit nicht direkt nachweisen, erlebst du Zeit nicht unmittelbar als solche. Du erlebst immer nur den gegenwärtigen Augenblick oder vielmehr das, was in ihm geschieht. Wenn du ausschließlich unmittelbare Beweise gelten lässt, dann gibt es keine Zeit, sondern nur das Jetzt.

Ich denke, das waren gute Schlussworte. Es wird Zeit für unsere Heimreise, um über all das nachzudenken, was uns auf dieser Reise widerfahren ist.

Die Heimreise

Du kannst mir die Taschenuhr und die Schriftrolle nun wieder zurückgeben.

Aufregend, was? Natürlich hätten wir auch noch zu weiteren Stationen reisen können, jedoch ist diese kleine Taschenuhr maximal für vier Stationen ausgelegt.

Auf jeden Fall haben wir sehr viel Input bekommen und wenn du dir vorher noch nie Gedanken über diese Sachen gemacht hast, dann spricht auch nichts dagegen, nochmal hochzuscrollen, um die Zeit-Entdeckungsreise noch einmal zu starten.

Wenn du dir vorher schon eigene Gedanken gemacht hast, dann denkst du jetzt vielleicht noch einmal anders über das Thema nach oder wurdest wieder erinnert, wie spannend und nützlich es sein kann, sich über so etwas Gedanken zu machen.

Schön, dass du dabei warst. Wir können jetzt erahnen, was Michael Ende mit seinem Zitat aus Die unendliche Geschichte gemeint haben könnte.

Lass mir doch einen Kommentar mit deinen Gedanken dort.

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