Hallo Angst – Ein Dialog

Hallo Angst – Ein Dialog
Bildquelle: Marten Threepwood

Früher Morgen.

Der Wecker klingelt.

Es ist einer dieser Morgen, an denen man den Wecker hasst, weil er einen nicht einfach weiterschlafen lässt.

Das Lied im Radio ist zum Kotzen.

Der Regen peitscht gegen das Fenster.

Selbst unter der Bettdecke ist es noch kalt.

Außerdem stehe ich heute vor einer neuen und für mich großen Herausforderung.

Kaum denke ich an die neue Aufgabe, ist auch schon die Angst da.

Ich: Oh, hallo Angst. Was für eine schöne Überraschung, dass du auch schon da bist.

Angst: Was für eine zynische Begrüßung. Hallo.

Ich: Du hättest auch ruhig noch ein bisschen weiterschlafen können.

Angst: Ach, ich hatte gerade nichts weiter vor und außerdem hast du mich ja gerufen.

Ich: Ich habe dich nicht gerufen. Ich habe lediglich an den Verlauf des heutigen Tages gedacht.

Angst: Also hast du mich gerufen.

Ich: Nein … aber ist ja auch egal. Jetzt bist du ja da.

Angst: Ja, das bin ich. Und es ist nicht schön, unerwünscht zu sein.

Ich: Und für mich ist es kein schönes Gefühl, Angst zu haben. Aber das verstehst du nicht. Du kannst ja keine Angst haben.

Angst: Da hast du Recht. Ich bin ein Angstgefühl und Angstgefühle können keine Angst haben. Aber jedes Gefühl möchte gefühlt werden.

Ich: Okay, ich habe dich gefühlt. Du kannst nun weggehen.

Angst: Du bist so gemein zu mir. Ich bin nicht dein Feind. Ich bin dein Freund. Erkennst du das denn nicht? Erkennst du meine positiven Absichten nicht?

Ich: Mein Freund? Ein Freund würde nicht zulassen, dass ich mich schlecht fühle.

Angst: Sondern? Was würde ein Freund denn für dich tun?

Ich: Ein Freund beschützt mich und möchte mich vor Unheil bewahren. Er möchte nicht, dass ich verletzt, enttäuscht oder abgelehnt werde. Er hält mich davon ab, irgendwelche Dummheiten zu machen. Ein Freund möchte nicht, dass ich schmerzhafte Erfahrungen machen muss. Und ein wahrer Freund ist immer für mich da.

Angst: Also bin ich ja doch dein Freund. All das, was du gerade beschrieben hast, ist auch mein Interesse. Ich bin auf deiner Seite.

Ich: Echt?

Angst: Ja, aber weißt du, wie verzweifelt ich manchmal bin?

Ich: Wieso das?

Angst: Ich hampel hier rum und möchte dich rund um die Uhr beschützen und alles was du willst, ist, mich schnell loszuwerden.

Ich: Aber wenn du mein Freund bist, wieso lässt du mich dann so unsicher sein? Warum lässt du es zu, dass ich mir so viele Gedanken mache?

Angst: Ich warne dich lediglich vor, dass du vor einer Situation stehst, bei der du möglicherweise Schaden, in welcher Form auch immer, davon tragen könntest.

Ich: Aber ich könnte viel besser ein paar gute und stärkende Worte gebrauchen, anstatt immer nur auf das Schlechte hingewiesen zu werden.

Angst: Ich bin traurig, dass du mich immer in „die schlechte Ecke“ stellst. Sag mal, kennst du den Spruch „Das Gegenteil von gut ist gut gemeint“?

Ich: Nö, kenne ich nicht.

Angst: Ich meine es gut mit dir. Sieh mich doch vielleicht ein bisschen mehr wie einen Freund.

Ich: Puh, das ist schwer …

Angst: Es ist auch schwer, immer als jemand wahrgenommen zu werden, der unerwünscht ist. Wir arbeiten ständig gegeneinander, anstatt miteinander.

Ich: Das stimmt. Ich verpulvere im Umgang mit dir einen nicht kleinen Teil meiner Lebensenergie.

Angst: Und sieh mal: Ich ermögliche dir doch erst eine umfassende Selbstreflexion. Ich lenke die Aufmerksamkeit auf Themen, an denen du, oder besser gesagt wir, im Augenblick noch wachsen können. Für diese Themen wärst du sonst wahrscheinlich blind.

Ich: Hm, ich weiß nicht so recht …

Angst: Noch nicht überzeugt?

Ich: Nein, nicht wirklich.

Angst: Na gut, stell dir mal ein Leben ohne Angst vor.

Ich: Ach, das wäre so schön.

Angst: Schön? Wirklich?

Ich: Ja, warum denn nicht?

Angst: Ich würde sagen, es wäre ziemlich gefährlich.

Ich: Wieso?

Angst: Wenn du nie Angst vor etwas hättest, dann würdest du ja nie Gefahren bemerken. Du würdest in brenzligen Situationen nicht aufpassen, nicht reagieren und deinen Kopf nicht einschalten. Du hättest nicht die notwendigen Energien, um entschlossen zu handeln, Schutzmaßnahmen zu ergreifen oder deine Kräfte zu mobilisieren.

Ich: Aber wieso habe ich manchmal das Gefühl, dass du mir sagst, ich solle am besten gar nicht handeln? Letztens zum Beispiel habe ich Angst gehabt, mit meinem Chef zu reden und da hast du mir das Gefühl gegeben, am besten gar nicht mit ihm zu reden, damit ich nicht verletzt oder abgelehnt werden kann. Aber das Gespräch mit ihm war notwendig. Ich musste mit ihm sprechen.

Angst: Okay … ich gebe zu, dass ich in einigen Momenten übertreibe, aber ich sage mir manchmal: Lieber zu viel Gefühl, als zu wenig. Und HEY: DU bist derjenige, der handelt. Du triffst die Entscheidung. Ich bin „nur“ ein Gefühl. Zwar bin ich sehr wichtig, aber ich kann keine Entscheidungen treffen. Ich gebe nur Empfehlungen.

Ich: Du meinst, ich sollte deinen Rat annehmen und dann selbstständig entscheiden?

Angst: Genau. Sieh es als einen Vorschlag von einem guten Freund.

Ich: Hm, so habe ich es noch nie betrachtet. Man hört ja schon auf seinen Freund, aber man macht trotzdem nicht automatisch alles, was er einem rät. Auch den Rat eines Freundes kann man ja dankend und wertschätzend annehmen und dann sagen: Ich werde es trotzdem anders machen.

Angst: Das stimmt. Aber überfordere deinen Mut nicht. Kleine Schritte führen dazu, dass ich mich langsam zurückziehe. Kleine Schritte führen zum Erfolg.

Ich: Da hast du Recht, das muss ich mir mal merken. Was bedeutet es denn, mutig zu sein?

Angst: Mutig ist nicht jemand, der keine Angst hat. Mutig ist jemand, der seine Angst spürt, aber sich nicht von ihr beherrschen lässt. Einer, der trotzdem handelt.

Ich: Wolltest du mich jemals beherrschen?

Angst: Ich wollte und will dich niemals beherrschen. Das ist alles ein Konstrukt, das du dir in deinem Kopf aufgebaut hast. Ich bin ein Gefühl, das gefühlt werden möchte. Ein Gefühl, das wahrgenommen werden möchte. Nur so kann ich sichergehen, dass du meine Botschaft, meine Empfehlung, hörst. Aber manchmal sende ich so starke Botschaften aus, dass du dich von ihnen beherrschen lässt. Du kannst dir jedoch sicher sein: Ich möchte nicht beherrschen, ich möchte nur meine positiven Absichten ausdrücken.

Ich: Ich verstehe … So, ich würde nun gerne mal frühstücken. Meine Brötchen sind gleich fertig und es duftet schon ganz herrlich.

Angst: Okay, dann lass mich dir noch eines sagen: Wenn du mich das nächste Mal bemerkst, dann spüre mich. Nimm mich wahr. Lokalisiere mich in deinem Körper. Wo befinde ich mich gerade? Dann wäre es auch nicht schlecht, wenn du dich für meine Arbeit ab und zu bei mir bedankst. Und dann lass mich von mir aus auch wieder los. Wie ein kleines Papierschiffchen, das du auf einem kleinen See davonfahren lässt.

Ich: Hat meine Angst sonst noch irgendwelche Sonderwünsche?

Angst: Bitte?

Ich: War nur ein Scherz. Geht klar. Ich werde versuchen, das beim nächsten Mal zu berücksichtigen.

Angst: Und ich dachte gerade schon, dass du nichts verstanden hast …

Ich: Ich habe eine Menge verstanden. Für mich hat Angst nun nichts mehr mit Schwäche, Verlieren oder Negativität zu tun. Ich wünsche mir dich nicht mehr weg. Ich denke stattdessen, dass Angst eher etwas mit Wachheit, mit Wachstumschancen und mit Richtungshinweisen zu tun hat.

Angst: Schön gesagt.

Ich: Vielleicht wird sich mein Leben von nun an ja ein wenig leichter anfühlen, jetzt wo wir Freunde sind.

Angst: Das garantiere ich dir.

Ich: So, der Hunger klopft an. Ich muss jetzt die Brötchen aus dem Backofen nehmen.

Ich: Ich spüre dich immer noch, wenn ich an die bevorstehende Situation denke.

Angst: Ich gehe auch so schnell nicht weg.

Ich: Schön, dass du da bist.

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