Vorliebe statt Vorurteile

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Vor einigen Jahren hatte ich ein Gespräch mit einem Bekannten. Wir haben über Vertrauen zu anderen Menschen gesprochen. Er war der Meinung, dass man anderen Menschen nicht vertrauen sollte, erst recht nicht fremden Menschen. Er begründete dies mit dem Argument, dass es einfach zu viele schlechte Menschen auf der Welt gibt, die Böses im Schilde führen. Er sagte, dass die meisten nur zu ihrem eigenen Vorteil handeln, auch wenn sie anderen im gleichen Moment damit schaden.

Er erzählte mir auch von ein paar Erfahrungen, die er gemacht hatte.

Und weißt du was?

Nachdem er mir von seinen Erfahrungen erzählt hatte, konnte ich total verstehen, weshalb er den Glaubenssatz „Die meisten Menschen sind schlecht“ im Laufe seines Lebens aufgebaut hatte. Ich wusste auch, dass ich ihm diesen Glaubenssatz nicht mit ein paar Worten ausreden konnte, deshalb hörte ich nur aufmerksam zu und machte mir meine Gedanken.

Wie lebt jemand sein Leben, der einen derartigen Glaubenssatz mit sich herumträgt?

Bei ihm war es so, dass er sich oft alleine durch’s Leben schlug, wenige Freunde hatte, nur sehr schwer Vertrauen zu seinen Mitmenschen aufbaute (was diese natürlich merkten), nie nach Hilfe fragte und diese auch nur widerwillig annahm.

Er erkannte nicht, dass ihm diese misstrauische Haltung selbst am meisten schadete.

Jeder Gedanke, jedes Gefühl und jede Handlung spinnt unsichtbare Fäden auf einer tieferen Ebene des eigenen Lebens. Welches Muster, welche Farben und welche Stabilität das gewebte Gebilde hat, hängt davon ab, wie wir denken, fühlen und handeln. Und wenn jemand ständig die Gefahr sieht, betrogen oder bestohlen zu werden oder auf eine andere Weise benachteiligt zu werden, das Schlechte also im Voraus schon erwartet, dann webt sich im Unterbewusstsein wie von selbst ein Gebilde, welches der Grund dafür ist, dass diese Person genau dieses Misstrauen und diese Angst gegenüber anderen Menschen auch ausstrahlt. Und das sorgt wiederum automatisch dafür, dass diese Person dann Erfahrungen in ihr Leben zieht, die dieses Gebilde verstärken.

Dazu schreibt der amerikanische Philosoph Prentice Mulford folgendes:

Wenn ein Mensch die dunkle Seite des Lebens betrachtet und immer wieder seine Enttäuschungen und Schicksalsschläge aufs Neue überdenkt, so betet er um gleiche Enttäuschungen und Schicksalsschläge für die Zukunft. Wer Unglück erwartet, bittet darum und wird es auch zweifellos erhalten.

Die Erwartung des Schlechten verändert zudem die eigene Wahrnehmung. Es kann sein, dass sich diese Person irgendwann nur noch vom leibhaftigen Bösen umgeben sieht. Die eigene Wahrnehmung wird derartig missgestaltet, dass man überall nur noch das Schlechte vermutet oder sieht, das Gute hingegen fast vollständig ausblendet.

Das Kernproblem meines Bekannten lässt sich in etwa so zusammenfassen:

Er war ständig dabei, Urteile von Menschen zu fällen, die er noch gar nicht (richtig) kannte.

Warte mal kurz … Das ist doch ein Thema, das wir alle kennen, oder? Urteilen wir nicht alle manchmal etwas voreilig über andere Menschen?

Als mir, während er erzählte, diese Erkenntnis kam, erkannte ich mich plötzlich in ihm wieder.

Mir wurde bewusst, dass der Kern dieser Thematik nicht nur ihn, sondern auch mich, meine Familie, meine Freunde und eigentlich jeden Menschen betrifft, den ich kenne. Anstatt eine vorverurteilende Haltung einzunehmen, wäre es doch viel besser, würden wir unseren Mitmenschen mit Liebe statt Misstrauen begegnen.

Vorliebe statt Vorurteile

Vielleicht klingt dir das jetzt zu naiv, weil du sagst, dass es doch in der Natur des Menschen liegt, Urteile über andere zu fällen und dass Vorurteile auch positive Seiten haben.

Beides stimmt. Einen „heiligen Zustand“, in dem man gar nicht mehr urteilt, strebe ich auch gar nicht an.

Urteile liegen in der Natur des Menschen. Aber es liegt auch in der Natur des Menschen, sich über ein Urteil zu erheben.

Die nützlichen Vorteile von Vorurteilen möchte ich natürlich nicht ausblenden. Sie schützen uns und geben uns eine Orientierung, mit welchen Menschen wir näher in Kontakt kommen wollen und mit welchen nicht.

Aber in dem Moment, wo Vorurteile unser Leben einschränken, uns alleine dastehen lassen, uns unsere Wahrnehmung verzerren, uns (potenzielle) Freunde nehmen, fremden Menschen keine faire Chance geben und uns von der Hilfe anderer Menschen trennen und im wahrsten Sinne des Wortes hilflos sein lassen, sind sie mehr hinderlich als nützlich.

Warum nicht mal das Experiment wagen, den Menschen, denen du in dieser Woche begegnest, eine Art Vorschuss an Wertschätzung und Vertrauen zu geben? Überrasche die Menschen, denen du begegnest, mit einer neuen zugewandten Art. Erhebe dich über dein Misstrauen. Gebe jedem Menschen eine faire Chance, dein Vertrauen zu erobern.

Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Ich sage nicht, dass man jedem Menschen sofort bedingungslos vertrauen sollte. Bedingungsloses Vertrauen sollte man weise vergeben. Aber vielleicht können wir ein bisschen häufiger die Schubladen, die in unseren Köpfen aufspringen, wenn wir fremden Menschen begegnen, wieder vorsichtig schließen und uns eine Art Vorliebe zu eigen machen, die dafür sorgt, dass wir anderen unvoreingenommener gegenübertreten, sie wertschätzender behandeln und dadurch auch schließlich mehr gute Erfahrungen machen. Und genau diese Erfahrungen sind es dann auch, die wiederum das Vertrauen in andere Menschen stärken.

Die Perspektive wechseln

Die Wichtigkeit, eine offenere Haltung einzunehmen, ist vielleicht noch einleuchtender, wenn man einmal die Perspektive des Menschen einnimmt, dem wir an dieser Stelle imaginär neu begegnen.

Wie würdest du dich fühlen, wenn dir Menschen, die du neu kennenlernst, immerzu misstrauisch begegnen würden? Macht uns die Welt in diesen Situationen nicht schlechter, als wir tatsächlich sind? Und würden diese Begegnungen nicht zu einem negativ verfärbten Selbstbild führen, dem wir früher oder später vermutlich gerecht werden?

Wenn wir einander aber wohlgesonnen begegnen würden, könnten wir dem vorbeugen und uns die Chance einräumen, positive Begegnungen zu erleben. Und trifft man mal einen Menschen, der unseren Vertrauensvorschuss offensichtlich nicht verdient, dann sollte man überlegen, ob er die Regel oder die Ausnahme ist. Aus eigener Erfahrung weiß ich für mich, dass solche Begegnungen noch immer die Ausnahme bleiben.

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